Lebenszyklus

 Zeitenwandel – zeitlos
in wiederholendem Rhythmus
im Reigen sich dreht
das Lebensgefühl
so wie die Jahreszeit
im wiederkehrenden Zyklus
Lebensgefühle im Wandel der Zeit

   

 

Lebenszyklus, so heißt diese Serie an Bildern. Wie in den Bildern, so wandelt sich unser Leben und unser Lebensgefühl stetig. Diese Gefühle sowohl in meinem Künstlerischen Schaffen, als auch in meinem beruflichen Umfeld wiederzufinden und zu verbinden ist ein Teil von mir.

Spielerisch leicht, mit der Lust an der Bewegung und der Veränderung springe ich durch die zum Leben erwachte Welt meines Frühlings. Alles ist möglich und ich fühle mich lebendig und frei und kann mich ausprobieren.

Im Selbstbewusstsein des Sommers spiele ich mit meinen Möglichkeiten. Der Sommer kann mir viel Energie geben, so wie die Sonnenstrahlen die Natur auftanken können. Ich zeige meine Vielfältigkeit und liebe die Sonne und den Schatten in der Wärme des Sommers.

Ein Zuviel an Sonnenstrahlen kann auch verbrennen und so ist es gut, wenn ein Wechsel stattfindet und der Herbst kommt, in dem ich mich aus alten Mustern und Verstrickungen befreien kann und mich verändere. Dabei kann ich die Schönheit der bunten Blätter erkennen, die ich fallen gelassen habe.

Erstarrt in Eis und Kälte und in Eisblumen gehüllt, halte ich einen Augenblick inne. Ich lasse mir Zeit, bevor die innere Wärme die Eisschicht zum Schmelzen bringt.

Die verschiedenen Lebenszyklen sind gleich wichtig. Es ist wie in der Natur, die auch die verschiedenen Zyklen braucht. Ich kann nicht immer nur im Frühling feststecken und immer nur machen und tun. Ich brauche den Winter, um mich zu erholen und innezuhalten. Es ist wie die Kraft zu sein und die Kraft der Wiederaufbereitung (Pamela Levin)[i]. Ich bin da und kann in mich hineinhorchen, was ich will und wie es weitergehen kann. Ich kann mich erholen, ohne mich ständig unter Druck zu setzen. Manchmal brauche ich längere Erholungszeiten, da ich vielleicht viele „Blätter „ abgeworfen habe und ich Energie sammeln muss um wieder neu auszutreiben. Es kann auch sein, wie nach einer durchtanzten Nacht, in der ich ganz „Ich“ war und nun

brauche ich Zeit um auszuruhen. Ich habe die Party verlassen, um neue Kraft zu tanken und zu ruhen.

Die Lebenszyklen eines Menschen sind nicht nur an den Jahren zu messen. Es ist ein Lebensgefühl, dass sich innerhalb von Stunden ändern kann und das auch mehrere Lebensphasen auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig beinhaltet. So kann ich mich zwar an Lebensjahren im Herbst des Lebens befinden, fühle mich aber an einem Tag wie im Frühling, wo alles möglich ist und ich mich gerne ausprobiere. Ich sprühe vor Energie und wage vielleicht auch mehr als zu anderen Zeiten. Wenn ich es mit Pamela Levins Cycles of Power ausdrücken würde, wäre ich in meiner Kraft zu tun und zu denken.[ii]

Auch in meinen verschiedenen Lebensbereichen können unterschiedliche Phasen oder Zyklen gleichzeitig existieren. So kann ich in einem Arbeitsumfeld im Sommer und meinem vollen Selbstbewusstsein arbeiten. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann und habe die Kraft zur Identität und Geschicklichkeit (Pamela Levin)[iii].  In meinem privaten Umfeld könnte ich gleichzeitig im Herbst stecken, da sich viele Veränderungen auftun und ich Altes loslassen muss, zum Beispiel durch eine Veränderung in der Partnerschaft, die Geburt der Kinder oder wenn die Kinder das Haus verlassen. Ich muss dann spüren, was ich brauche und was ich loslassen kann. Der Satz: „ Ich kann in Liebe gehen“ oder „Du darfst in Liebe gehen.“ Ist eine positive Intention und hilft bei der Kraft zur Erneuerung. Denn ich brauche Raum, um Neues auszuprobieren und zu entdecken und dafür muss ich manchmal andere Dinge loslassen und einen liebevollen Blick auf mich entwickeln. Die Kraft dafür kann ich dann auch aus anderen Lebensbereichen ziehen.

Diese Zyklen zu erkennen und zu berücksichtigen ist sowohl im eigenen Leben, als auch im Leben der Klienten wichtig. Nach Maria Montessori[iv] gibt es bei Kindern sensible Perioden, in denen sie besonders aufnahmebereit für bestimmte Dinge sind und diese besonders schnell und einfach lernen. Und es gibt auch Phasen, in denen sie bereit sind für die Bearbeitung ihrer Themen. Sie schreibt: „ Die ganze Wahrnehmungswelt des Kinds beschränkt sich dann mit einem Male auf diesen einen hell erleuchteten Bezirk. Nicht nur, dass das Kind jetzt das lebhafte Bedürfnis empfindet, sich in bestimmte Situationen zu versetzen und bestimmte Dinge um sich zu haben; es entwickelt auch eine besondere, ja einzigartige Fähigkeit, diese Elemente seinem seelischen Wachstum dienstbar zu machen.“[v]

Genauso ist es auch bei den Erwachsenen. Ich muss die richtige Zeit abwarten, in denen sie offen sind, um zum Beispiel bestimmte Phasen  oder Teilbereiche ihres Lebens wieder aufzubereiten. Erst wenn sie spüren können: „Jetzt ist meine Zeit dafür.“ Genau jetzt möchte ich auf diesen Bereich meines Lebens schauen und etwas Neues ausprobieren, dann kann Veränderung möglich sein. Sie brauchen ihre Zeit um sich zu verändern. Für den Counselor ist es wichtig, ihnen die Zeit zu lassen und zu erkennen, was in welcher Lebensphase möglich ist und in welchem Lebenszyklus in den unterschiedlichen Lebensbereichen die Kraft steckt und wo wir Energie brauchen oder Energie auftanken können. Es besteht eine Notwendigkeit der verschiedenen Lebenszyklen, um im Gleichgewicht  zu leben und das sollte gesehen und anerkannt werden. In meinem Arbeitsfeld, dem Frühförderzentrum, kommen die Erwachsenen nicht wegen ihrer Belange, sondern wegen der Kinder und so ist es unerlässlich, hier besonders behutsam vorzugehen, um sie in die Veränderungen einzubeziehen und sie in ihrer Phase abzuholen um auch systemisch Veränderungen zu bewirken. Als Beispiel möchte ich hier von Frau Müller erzählen (Name geändert), die so in ihren Ängsten gefangen war, dass sie sich und Ihr Kind in den eigenen  Möglichkeiten einschränkte. Sie wirkte wie erstarrt. Erst als sie mit ihrer Geschichte und der Notwendigkeit der Schutzfunktion die ihre Ängste bildeten, gesehen und anerkannt wurde,  konnte sie sich und  auch ihr Kind anders anschauen und vergleichen, ob ihr Kind diesen Schutz brauchte. Die „Eisschicht“ konnte schmelzen und andere Möglichkeiten konnten langsam in Erwägung gezogen werden. Energie konnte sie aus ihrer privaten Situation, in einer stabilen Partnerschaft, gewinnen. Nachdem sich bei der Mutter eine langsame Veränderung einstellte, konnte sich ihr Kind ganz anders entwickeln und viel mehr Möglichkeiten ausschöpfen.

Kinder zeigen oftmals viel offener, worum es geht und was sie brauchen. Wenn der Counselor sie zu schnell in einen anderen Zyklus pressen möchte und sie z. B. zum „Loslassen der Blätter“ bringen möchte, dann zeigen sie sehr deutlich, was sie brauchen und halten ihre Blätter so lange fest, bis es an der Zeit ist, sie fallen zu lassen oder eben auch nicht. Der Counselor kann immer wieder neue Möglichkeiten anbieten, bis die richtige dabei ist und das richtige Tempo gefunden wurde. Als Beispiel möchte ich über Paul (Name geändert) erzählen, der Angst vor einem imaginären Tiger hatte und sich wie erstarrt unter einer Decke versteckte. Diese Decke war aber nicht Schutz genug und so erschien der Tiger jede Stunde. Wir haben verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Es wurden Barrikaden aufgebaut. Der Tiger wurde verjagt und gefangen. Er wurde aus dem Zimmer geworfen. Immer wieder erschien der Tiger in unserer gemeinsamen Stunde und Paul zeigte mir seine imaginären Wunden, die er davongetragen hatte und die versorgt werden mussten. Irgendwann, nach vielen verschiedenen Spielvariationen krabbelte Paul unter der Decke hervor und half mir den Tiger zu fangen. Danach erschien der Tiger nicht mehr. Paul konnte ihn loslassen und in eine neue Phase übergehen.

Auch eine Pflanze weiß, was sie in welchem Lebenszyklus braucht und versucht ihren Weg zu finden, egal welche Wetterlagen von außen auf sie einwirken. Die Zyklen sind ein ewiger Kreislauf, der sich immer wiederholt und in dem wir auch viel ausprobieren können. Dafür ist es nie zu spät. Ich gebe mir und den Klienten Zeit und Gelassenheit im Kreislauf der Lebenszyklen, denn wenn ich ein Thema heute nicht sehen kann, kann es zu einem anderen Zeitpunkt in einer anderen Lebensphase, in einem anderen Lebenszyklus, wieder vorbeikommen und vielleicht ist es dann genau der richtige Zeitpunkt.

Jetzt ist meine Zeit und jeder Zyklus hat seine Berechtigung. Das Leben ist Veränderung und die Zyklen tanzen den Tanz des Lebens.

[i] Entwicklungszyklus nach Pamela Levin – Cycles of Power
Aus dem Buch Quellen der Gestaltungskraft von K. Lumma, D. Lumma, B. Michels aus dem Windmühlen Verlag  Seiten: 16 – 45
[ii] Entwicklungszyklus nach Pamela Levin – Cycles of Power
Aus dem Buch Quellen der Gestaltungskraft von K. Lumma, D. Lumma, B. Michels aus dem Windmühlen Verlag  Seiten: 16 – 45
[iii] Entwicklungszyklus nach Pamela Levin – Cycles of Power
Aus dem Buch Quellen der Gestaltungskraft von K. Lumma, D. Lumma, B. Michels aus dem Windmühlen Verlag  Seiten: 16 – 45
[iv] Maria Montessori, Kinder sind anders, Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch Seite 60 – 76 Sensible Perioden
[v] Maria Montessori, Kinder sind anders, Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch 1981 Seite 67

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